Viele von uns dürfen nur nach strengem Zeitplan zu ihren Pferden, Volker Wulff bangt um sein Jubiläumsturnier und fürchtet Riesenverluste, Championjockey Hein Bollow (99) darf nicht raus und Rennen gibt es in den nächsten sechs Wochen nur vor geisterhaft leeren Rängen. Corona hat uns im Griff.
Alles war immer so weit weg. Katastrophen wie Kriege, Seuchen und Hungersnöte fanden woanders statt, in fernen Winkeln der Erde. Aber doch nicht bei uns, der sorglosen Nachkriegsgesellschaft. Auf einmal sind wir alle dran, das Coronavirus lässt keinen unberührt, nicht nur die Infizierten. Jeder ist betroffen mit seiner Familie und auch wir mit unseren Pferden, die ihr Recht fordern und sich nicht um Pandemien scheren.
Sie wie immer zu versorgen und zu bewegen ist eine der Herausforderungen, die Corona an uns stellt, wobei es uns ja besser geht als vielen anderen Sportlern, die ihre Freizeitaktivitäten komplett einstellen müssen. Man darf reiten, in kleinen Gruppen, auch ins Gelände, allerdings höchstens zu zweit. Zu Auswüchsen der Kontrolleure kommt es hier und da, so tauchten in einem Reitstall in Norddeutschland ein paar Polizisten auf und forderten, das Reiten unverzüglich einzustellen, da es sich um einen Risikosport handele. Bei Unfällen könnten die Krankenhäuser überlastet werden und nicht mehr genügend Kapazitäten für Corona-Kranke frei haben. Wobei zur Zeit etwa in Schleswig-Holstein die Krankenhäuser gähnend leer sind und über Kurzarbeit nachgedacht wird. Da wurde viele Bestimmungen offenbar mit zu heißer Nadel gestrickt.
Task Force für neue Termine
Auch der Welt des Pferdesports wird natürlich über die Zeit nach Corona geplant, in dieser Woche will die FEI einen neuen Terminkalender bekanntgeben, in den etliche der verschobenen Turniere eingebaut werden müssen. Per Video-Konferenz suchen die FEI-Arbeitsgruppen für die acht FEI-Disziplinen nach Lösungen.
Der „Task Force Springen“ gehört auch der Deutsche Stephan Ellenbruch als Vorsitzender des Jumping Comittees an. Man sollte annehmen, dass der Run auf die Turniere der zweiten Jahreshälfte gewaltig ist. Dem sei nicht so, sagt Ellenbruch, viele Turniere, auch CSIO wie Rom, Rotterdam und St. Gallen, haben sich gleich ins Jahr 2021 verabschiedet. Zwei deutsche Fünfsterne-Turniere, das CSIO Aachen und das Hamburger Derby, haben Ersatztermine beantragt. Nationenpreisturniere haben Vorrang, weil sie auch als Vorbereitung für die verschobenen Olympischen Spiele in Tokio, 2021, dienen.
Und das Hamburger Derby?
Hamburgs Turnierchef Volker Wulff hofft auf einen Termin im Juli oder August für das 100. Derby, verbunden mit einer Station der Global Champions Tour. Das Jubiläumsderby sollte mit einer großen Gala gefeiert, der Platz dafür vergrößert werden. Falls es mit der Termin-Verschiebung klappt, hat Wulff durch die Vorbereitungen eine halbe Million Euro in den Sand gesetzt. Muss das Flottbeker Derby ganz ausfallen, sind es rund 750.000 Euro. „Es ist ja auch fraglich, ob bis zum Sommer Reiter und Pferde einreisen und wieder in ihre Heimatländer zurückkehren dürfen“, sagt er. Dabei sind er und auch die Veranstalter des CHIO Aachen noch besser dran als viele andere. „Wir können das ganze Jahr über unseren Platz nutzen“, sagt Volker Wulff, „andere können das nicht.“
Eine Geisterveranstaltung, wie sie jetzt im Rennsport geplant ist, kann er sich nicht vorstellen. Die Dachorganisation Deutscher Galopp hat verfügt, dass von Mai bis Mitte Juni alle Rennen ohne Zuschauer stattfinden, sechs Wochen lang. Die Rennpreise werden halbiert auch die Honorare der Mitwirkenden. „Das ist auch etwas anderes,’ sagt Volker Wulff, „der Rennsport hat immer noch die Wetteinnahmen.“ Der Reitsport lebt von den Zuschauern, viel mehr noch von den Ausstellern und der Gastronomie. Und das gilt nicht nur für die Großen. Auch kleine Turniere können auf die Einnahmen aus Bierstand, Würstchenbude und Kuchenbuffet nicht verzichten.
Kein „Weiter-wie-gehabt“
Bis der Pferdesport wieder da ist, wo er war, werden Jahre vergehen, vermutet Volker Wulff. „Das Preisgeld wird heruntergehen, die Globalisierung des Pferdesports wird um einige Jahre zurückgeworfen.“ Ein simples „Weiter-wie-gehabt“ ist nicht nur im Turniersport schwer vorstellbar, das geht anderen Bereichen des Lebens nicht anders.
Normalität sehnen wir alle herbei, vor allem auch die Älteren, die zur Zeit in ihren Heimen und Seniorenresidenzen zu ihrem eigenen Schutz kaserniert sind. Wie der 99-jährige Hein Bollow, der erste deutsche Jockey, der mehr als 1000 Sieger ritt und viermal das Deutsche Derby gewann. Er bekam jetzt Berge von Post, der Kölner Rennverein hatte aufgefordert, dem verdienten Senioren zu schreiben, damit ihm die Zeit nicht zu lang wird. Noch vor der Krise drehte RTL ein Porträt des fast Hundertjährigen, zu sehen am 15. April, 22.15 Uhr.
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https://pferdmessepost.tumblr.com/post/615389693589209088
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