Wednesday, April 8, 2020

Das Jahr auf dem Hof (Teil 9)

Das Jahr auf dem Hof (Teil 9):

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Grüne Koppeln so weit man sehen kann schließen sich an ein verzweigtes Hofgelände an. Direkt neben den Ställen steht das Wohnhaus der Familie Lemmer, in dem Vater Günther, Mutter Gerda und Tochter Birgit Lemmer leben. Sie teilen sich Haus und Hof, auf dem sieben Tage die Woche, vom Morgen bis zum späten Abend, ein stetes Kommen und Gehen von Mensch und Tier herrscht.

„Das Leben ist ein Ponyhof, zumindest meistens“, sagt Western-Reiterin Birgit Lemmer. Sie trägt Sporen an den Stiefeln. Die Pferdehaltung bestimmt das ­Leben der 37-Jährigen von Kindesbeinen an. Sie arbeitet täglich mit den 14 hofeigenen Ponys und 65 Pensionspferden der Einsteller. Die resolute Pferdeliebhaberin ist Reitlehrerin und Koordinatorin.


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Der Betrieb in Großseelheim entwickelte sich vor mehr als 20 Jahren. Ausschlaggebend war die Leidenschaft von Birgit Lemmer. Anfangs noch ein Hobby, war die Reiterei schließlich bestimmend für die Entwicklung des Hofes. „Ich wollte immer etwas mit Tieren machen und schon als Kind ein Pony haben, so hat alles angefangen.“ Das war Anfang der 1990er-Jahre. „Ein Tier kann man ja nicht alleine halten, es kamen immer mehr dazu, der Übergang zum Pferdehof war dann fließend“, ergänzt Vater Günter Lemmer (Foto: Nadine Weigel).

Seine Tochter ist die Zukunft des Betriebs. Der wurde überhaupt erst auf reine Pferdehaltung umgestellt, als klar war, dass sie den Hof einmal übernehmen würde. Sie hat zwei Brüder, die beruflich andere Wege eingeschlagen haben. Sie selbst studierte Architektur, entschied sich dann jedoch für den Familienhof. „Büroarbeit finde ich fürchterlich, ich brauche Luft um mich herum und bin zwölf Stunden am Tag draußen“, sagt sie.

Jedes Familienmitglied hat seine eigenen Aufgaben

Tag für Tag herrscht reger Betrieb auf dem Hof der Lemmers in Großseelheim. 60 Einsteller haben insgesamt 65 Pferde ganz verschiedener Rassen bei Lemmers untergebracht – vom Mini Shetlandpony bis zum Quarter Horse. Zwischen sieben Uhr und 22 Uhr hat der Hof geöffnet. Täglich trainiert Birgit Lemmer mit den Reitschülern. Kinder ab vier Jahren lernen in Großseelheim den Umgang mit den Pferden.  

Jedes Familienmitglied hat bei der täglichen Arbeit seine Aufgaben. Beruflich wie privat verbringen die Lemmers viel Zeit miteinander – Freiräume sind ihnen daher wichtig. „Jeder hat seinen eigenen Part, um sich nicht in die Quere zu kommen. Birgit macht die Pferde, ich beschaffe das Futter“, erklärt Günter Lemmer und lächelt. Der gelernte Zimmermann ist der Landwirt der Familie. Er bewirtschaftet rund 115 Hektar Acker- und Grünland. Stroh und Heu für die Pferde stellt der Betrieb größtenteils selbst her. Weizen, Gerste und Roggen werden verkauft.


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700 Tonnen Mais und Pferdemist landen pro Jahr in der örtlichen Biogasanlage. Logistik und Buchführung des Betriebes ist Aufgabe der gelernten Hauswirtschafterin Gerda Lemmer, die halbtags auch noch im Laden der „Ökokiste“ in Großseelheim arbeitet. Einmal am Tag bringt sie die Familie zum Mittagessen zusammen an einen Tisch (Foto: Nadine Weigel). Eine klare Aufgabenverteilung gilt auch für die Mitarbeiter und Kunden.

Letztere kümmern sich selbständig um ihre Tiere, haben freien Zugang zum Hof und misten die Ställe. „Wir haben viele langjährige Stammkunden, das Klima auf dem Hof muss stimmen, da gehören auch richtige Gespräche dazu oder hier und da mal ein guter Rat“, sagt Günter Lemmer.

Das übernimmt der Hofchef in der Regel selbst, er gilt als Ruhepol im Betrieb, hat. „Er hat da ein Händchen für“, findet seine Tochter. Sie ist eher der Typ Macher, gibt sie zu, verbringt viel Zeit in den Reithallen und kümmert sich um die Bewegung der Tiere.

Die Pferde leben in Gruppen und im Offenstall

Die Haltungsart der Pferde­ spielt für sie eine große Rolle: Einzelboxen oder reine Stallhaltung lehnen Lemmers ab. Die Tiere leben in Gruppen von sechs bis zehn Tieren in Offenstall-Haltung. Am Tag stehen sie ganzjährig auf der Koppel, in der kalten Jahreszeit im Winterpaddock. „Pferde sind sehr sozial und es sind Lauftiere – Bewegung und viel Platz sind wichtig“, sagt Birgit Lemmer.

Die Herdenhaltung erfordert viel Sachverstand. So plant die Trainerin stets voraus, welche Pferde sie zu einer kleinen Herde im Stall und auf der Wiese zusammenstellen kann, muss die Rangordnung innerhalb der Gruppe kennen. Die entwickele sich über Monate hinweg, „die Pferde prüfen, ob ein Neuer auch passt – das dauert ein Jahr, dann funktioniert es“. Im Winter, wenn die Tiere nicht auf die Koppeln kommen, werden daher keine neuen Tiere in eine Herde integriert, „da fehlt der Platz, das ist zu gefährlich, in einer Herde kann es auch mal ruppig zugehen“.

Die weitläufige Anlage am Ortsrand von Großseelheim ist eigentlich der zweite Hof der Familie. Bis in die 1990er-Jahre hinein war das Anwesen ein traditioneller Bauernhof ohne Reitanlage. Das erste Gehöft stand dort, wo sich heute das Bürgerhaus von Großseelheim befindet (Privatfoto).


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Der Hof der Urahnen hat eine­ lange Geschichte, stammte­ ­mindestens aus der Zeit um 1630 – „zumindest stand diese Zahl auf dem alten Scheunentor“, erinnert sich Gerda Lemmer. Ihre Eltern, Anna und Ludwig Klingelhöfer, errichteten Mitte der 1950er-Jahre den zweiten Hof, züchteten Kühe und Schweine. „Das war damals  noch ganz konventionell“, erzählt Günter Lemmer. Der Zimmermann arbeitet seit der Heirat 1978 mit auf dem Hof, baute vieles mit den eigenen Händen um und aus.

Mittlerweile ist die Nutztierhaltung zweitrangig geworden, die Pferde sind der größte Betriebszweig. Im Jahr 2005 wurden die letzten Kühe verkauft, die erste Reithalle wurde errichtet. Mit der Zeit erweiterte die Familie den Betrieb immer weiter. Eine zweite Halle und der Umbau der Ställe folgten. „Wir haben schon fünfmal Richtfest gefeiert“, erzählt der Hofchef.

Vor einigen Jahren stieß Astin Mattheis, der Lebensgefährte von Birgit Lemmer, zu der Familie hinzu. Der 37-jährige Energieelektroniker beteiligt sich in seiner Freizeit an der Hofarbeit (Foto: Nadine Weigel). Was Pferde angeht, ist er Quereinsteiger: „Ich musste das alles erst mal kennenlernen, heute ist die Arbeit mit den Tieren ein schöner Ausgleich zum Beruf.“


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Früher betrieb die Familie auch eine Pferdezucht, dieser Betriebszweig ruht derzeit aber. Dafür tummeln sich zahlreiche andere Tiere auf dem Hofgelände. Neben Hofhund „Scotty“ und mehreren Katzen leben 2 Angoraziegen und 16 Schafe bei der Familie. Außerdem hält Birgit Lemmer sieben Enten. Als Braten landen die aber nicht auf dem Esstisch der Familie, „man hat da einfach eine enge Beziehung zu – Freunde kann ich nicht essen“, sagt die 37-Jährige.

Ein Leben ohne Tiere, vor allem ohne Pferde – Birgit Lemmer kann sich das nicht vorstellen. „Unser Leben dreht sich immer um die Pferde.“ Bei Lemmers herrscht täglich Trubel. Kein Wunder, die Pensionspferde wollen an sieben Tagen in der Woche von ihren Besitzern versorgt werden. Das Familienleben spielt sich häufig mittendrin ab. „Irgendwer ist immer da, man ist immer öffentlich“, sagt Birgit Lemmer. Daran hat sich die Familie gewöhnt, „wir haben uns für die Pferde entschieden, da gehört das eben dazu“.

Täglich auf dem Pferderücken

Die Tiere sind für die 37-Jährige Beruf und Hobby, „zwei Stunden am Tag verbringe ich auf einem Pferderücken“. Regelmäßig nimmt die Western-Reiterin an Turnieren im ganzen Land teil, war bereits Hessenmeisterin in der Disziplin „Pleasure“. Dabei geht es unter anderem darum, das Pferd in seinen drei Grundgangarten am losen Zügel zu reiten.

Auf dem eigenen Hof richtet die Familie mehrmals im Jahr kleine Turniere für die Kunden aus und organisiert in den Ferien Schnupperkurse für Kinder. Die nächsten finden in den Osterferien Ende März statt. Eine enge Zusammenarbeit mit Einstellern und Reitschülern, alljährliche Treffen und Hoffeste seien wichtige Bestandteile des Hoflebens, sagt Birgit Lemmer.

Als Anlaufpunkt für Familie und Kunden, als Kommunikationszentrum, dient ein großer, weithin sichtbarer Pavillon mitten auf dem Hof. Der steht an einem besonderen Ort, „auf der alten Güllegrube – das zeigt den Wandel des Hofes über die Jahre am besten“, findet Birgit Lemmer.

von Ina Tannert

Erinnerungen an Bock Herrmann

Prominentes Schwarznasenschaf starb im vergangenen Sommer: ­Familie Lemmer erlangte vor zwei Jahren überregionale Bekanntheit. Der Grund war Schwarznasenschaf Hermann. Der Bock wurde nach der Geburt von seinen Eltern verstoßen. Birgit Lemmer rettete ihm das Leben, zog ihn mit der Flasche groß (Archivfoto: Weigel). Das geschwächte Tier lebte zeitweise wie ein Haustier im Wohnhaus der Familie. Die Geschichte von Birgit Lemmer und Hermann machte die Runde. Schließlich hatte­ der Bock auf Facebook eine eigene Seite und eine Fangemeinde.


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Die Geschichte des Schwarznasenschafs schaffte es in die Oberhessische Presse und ins Fernsehen. Leider erkrankte der Schafsbock und starb im vergangenen Sommer, erzählt seine Ziehmutter. Derzeit betreut die Familie den Bruder, Schafsbock Heinrich, der von den selben Elterntieren wie Hermann abstammt und in der kleinen Schafherde auf dem Hof lebt.

Betriebskennzahlen

Bestand 14 eigene Pferde, 65 Pferde von Einstellern
Betriebsstruktur Pferdehaltung, Stall- und Reitanlage, Verkauf von Feldfrüchten
Ackerbau 70 Hektar Ackerland, 45 Hektar Grünland. Mais, Weizen, Gerste und Roggen werden verkauft. Drei Hektar Wald.
Mitarbeiter Neben der Familie arbeiten zwei 450-Euro-Kräfte auf dem Hof.
Weitere Tiere Hund, Katzen, zwei Ziegen, 16 Schafe

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