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Nimmt man das moralische Vokabular, das zeitgenössische Philosophen wie der Amerikaner Michael Sandel an die „genetische Zurichtung“ von Mensch und Tier anlegen, dann zeigen die neuesten Befunde über die Domestizierung zweier unserer treuesten Begleiter – Pferd und Hund – einen bedenklichen Trend: Die Experimentierfreude des Menschen am genetischen Design der Kreatur hat sich, milde formuliert, nicht immer zu deren Besten ausgewirkt. Als Züchter hochproduktiv, als Gen-Designer ein gefährlicher Dilettant.

Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
In der Zeitschrift „Cell Reports“ präsentieren amerikanische Hundegenomforscher die jüngste und detailreichste Stammtafel von 161 weltweit verbreiteten Hunderassen – bei weitem also nicht alle Hunderassen, die registriert sind. Trotzdem: Das Genmaterial, das von 1346 Hunden gewonnen worden war, zeigt, wie vor allem in den vergangenen zweihundert Jahren die Rassenvielfalt zugenommen hat. Die erste „Züchtungswelle“ liegt Jahrtausende zurück in der nach heutigen Schätzungen etwa vierzig- bis hunderttausend Jahre alten Ko-Evolution von Hund und Mensch. Es war die Zeit, als in einigen Teilen der Welt die Jagdqualitäten von den Hüte- und Schützerqualitäten neuer Hunderassen ergänzt wurden. Der Mensch wurde sesshaft, und damit wandelten sich die Anforderungen an den Hund. Noch Jahrhunderte freilich und ganz besonders auffällig etwa im viktorianischen Britannien, wo Golden Retriever und Irisch Setter ihre Wurzeln haben, wurde das genetische Design von spezialisierten Jagdhunden kultiviert. Unabhängig davon entstanden viel weiter im Osten neue Jagdrassen wie der Chow-Chow oder Akita. Anstelle der zehn von Züchtungsverbänden „offiziell“ anerkannten Hauptrassegruppen listen die Genomforscher inzwischen 23 Schwerpunkt-Zuchtlinien im Stammbaum der Rassen.
Eine dieser Gruppen, die Hütehunde, erwies sich als überraschend vielfältig. In vielen Gebieten wurden offenbar gleichzeitig neue Rassen herausgezüchtet, die Arbeitsdienste in den Herden ableisteten. Viele dieser Neuzüchtungen allerdings brachten den Tieren nicht viel Glück, weil sie offensichtlich auch schädliche Genmutationen vervielfältigten: Erbanlagen, die Epilepsie, Nierenleiden, Diabetes oder Krebs befördern, tauchen insbesondere in den modernen Zuchten immer häufiger auf. Eine genetische Abwärtsspirale – was die Tiere fatalerweise nun auch für die Erforschung menschlicher Zivilisationskrankheiten in Versuchslabors attraktiv macht.
Der „Modernisierungsschock“ durch Zucht ist auch im Zuge der sehr viel späteren – erst vor gut 5500 Jahre begonnenen – Domestizierung von Pferden nicht zu übersehen. In der Zeitschrift „Science“ hat ein internationales Team die Genanalysen von Überresten einer 4100 Jahre alten Stute aus dem russischen Tscheljabinsk und 13 Hengsten aus Kasachstan vorgelegt, die vor mindestens 2300 Jahren eng mit dem Menschen in Reiternomadenvölkern zusammengelebt hatten und in Grabungsstätten und in Permafrostböden konserviert waren.
Ergebnis des Genomvergleichs: Die Pferde der frühen Reitervölker, der Sintashta und der Skythen, wurden gezielt so selektiert, dass diese mit der Zeit massivere Handwurzelknochen und Vorderbeine ausbildeten; die ersten Züchter entwickelten offenbar sogar Vorlieben für bestimmte Fellfarben und -muster. Aber die überraschende genetische Vielfalt in den Y-Chromosomen der früh domestizierten Pferde lässt den Forschern zufolge den Schluss zu, dass die Pferdenomaden noch auf eine „gesunde“ Mischung mit Wildpferde-Hengsten achteten. Heute tragen praktisch alle moderne Rassen die gleichen Genkombinationen auf dem Y-Chromosom, weil einzelne erfolgreiche – miteinander verwandte – Hengste oft Hunderte Nachkommen zeugen – und krank machende Genmutationen in der Zuchtpopulation angehäuft werden.
„Die Vermehrung von potentiell schädlichen Genmutationen im Genom hat sich damit erst in den letzten Jahrhunderten deutlich erhöht“, heißt es in „Science“. Von einem „demographischen Kollaps“ freilich, wie die Genomforscher im Kommentar zu ihrem Aufsatz schreiben, werden sich die meisten heutigen Pferdezüchter weit entfernt sehen.
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